Warum wir im Kontext der Widersetzen-Aktionen mobilisieren?

Essen, Riesa, Gießen und jetzt Erfurt. Seit knapp zwei Jahren wird versucht, mittels einer bundesweiten Kampagne Großproteste und zivilen Ungehorsam gegen AfD-Parteitage zu organisieren. Zusammengerechnet haben sich an den Aktivitäten von Widersetzen bisher mehrere zehntausend Menschen beteiligt.

Die Widersetzen-Kampagne ist in der antifaschistischen Bewegung jedoch nicht unumstritten. Zugunsten einer vermeintlichen gesellschaftlichen Breite verzichtet sie auf klare Positionierungen, Analysen und wirksame Praxisvorschläge. Das geschieht bewusst und ist keine Frage der Medienarbeit, sondern eine strategische Herangehensweise. Wir denken, eine falsche.

In Zeiten sich zuspitzender gesellschaftlicher Widersprüche und einer erstarkenden faschistischen Bewegung sollte auf den Erfahrungen der antifaschistischen Bewegung aufgebaut werden, statt sie über Bord zu werfen. Dass die Kombination aus vielschichtigem Kampf gegen die Reaktion und einer tiefgreifenden Kritik am gesellschaftlichen Normalzustand anknüpfungsfähig und mobilisierend sein kann, haben nicht nur die letzten Jahrzehnte gezeigt. Schon historisch war es dieses Fundament, auf dem der Widerstand gegen die deutschen Faschist:innen fußte.
Statt mehreren Schritten zurück sollte es also eigentlich momentan darum gehen, vielen Menschen Brücken und Wege zum Stand des Kampfes zu bauen. Das geschieht zumindest bei Widersetzen nicht so, wie es möglich und nötig wäre.

Trotzdem halten wir es für falsch, die Widersetzen-Mobilisierungen nur unter diesen Aspekten zu betrachten. Wir waren Teil der Mobilisierungen nach Essen, Riesa und Gießen und werden das auch in Erfurt sein. Weil wir der Überzeugung sind, dass die organisierte antifaschistische Bewegung dort sein sollte, wo tatsächlich gekämpft wird. Und das war bei den Widersetzen-Aktionen bisher durchaus der Fall.
Die Bewegung auf der Straße ist wesentlich weiter und bereiter, als es der Widersetzen-Kampagnenapparat ist. Viele merken, dass ziviler Ungehorsam in Anbetracht der Gesamtumstände und der Reaktion des bürgerlichen Staates alleine nicht das geeignete Protest-Format ist.

Widersetzen spricht viele Menschen an, die auf der Suche nach einer Strategie gegen Rechts sind. Widersetzen bringt diese Menschen in Bewegung. Beides sind Tatsachen, die wir weder verschweigen noch kleinreden wollen.
Nachhaltiger Antifaschismus ist aber eben mehr als zentral organisiertes Campaining und Organizing-Workshops. Er ist konkret und alltäglich. In Bündnissen gegen Rechts, in antifaschistischen Gruppen. Dort, wo wir leben, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Praktischer Antifaschismus ist kleinteilig, herausfordernd und, wegen der erstarkenden faschistischen Strukturen und heftigeren staatlichen Repression, zunehmend unangenehm.

Alle die, die diesen Kampf trotz alledem noch aufnehmen wollen um am 4. Juli nach Erfurt fahren, können und müssen wir davon überzeugen, auch nach der Großmobilisierung aktiv zu bleiben, sich lokalen Antifa-Strukturen anzuschließen oder welche aufzubauen und den Kampf gegen Rechts nachhaltig anzugehen. Dabei dürfen wir nicht mit erhobenem Zeigefinger an der Seitenlinie stehenbleiben, sondern müssen mitten rein ins Getümmel.

Denn: Danebenstehen und sagen, wie es besser gemacht werden sollte, war schon immer die falsche Option. Genauso wie eine voreilige Distanzierung, weil das Gesamtpaket nicht passt.

Wir sollten uns immer anschauen, was konkret passiert, und nach Möglichkeiten im Sinne der Sache suchen: dem Kampf gegen die faschistische Gefahr!